Birol Demirev erzählt: Vom bulgarischen Slum zum erfolgreichen Unternehmer
Wann:
Samstag 17. Mai 2025,
22:43 Uhr
Was:
Alte Heimat, neue Heimat?
Wo:
Erzählung
Wer:
Birol Demirev
Ich wurde 1998 in Bulgarien geboren, in einem Viertel, das man als Slum bezeichnen könnte. Unsere Familie, türkischer Herkunft, lebte in einfachen Verhältnissen. Wir schliefen alle in einem Raum – meine Eltern und ich auf Matratzen auf dem Boden, meine zwei Schwestern teilten sich eine Couch. Trotz dieser Umstände versuchten meine Eltern immer, und uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Mein Vater führte ein kleines Café in unserem Viertel, in dem er Süßigkeiten, Kaffee und Toast verkaufte. Ich war wohl sein bester Kunde.
Das Leben in Bulgarien war auch von der kommunistischen Vergangenheit geprägt. Manchmal kam wochenlang keine Müllabfuhr in die türkischen Viertel. Trotz der Armut fühlte ich mich wohl, ich kannte kein anderes Leben.
2007 entschied mein Vater, nach Wien auszuwandern, um uns eine bessere Zukunft zu ermöglichen. In Wien lebten wir zu zehnt – manchmal auch noch mit mehr Personen – in einer kleinen Einzimmerwohnung. Wir hatten kein warmes Wasser und teilten uns die Toilette mit anderen Haushalten. Der Platz war so eng, dass wir im Schichtbetrieb schlafen mussten – während die einen arbeiteten, schliefen die anderen. Anfangs arbeitete mein Vater illegal in einer Tomatenfabrik und verdiente nur etwa 100 bis 150 Euro pro Woche, während meine Mutter Wohnungen putzte. Als neunjähriger Junge war ich oft allein zu Hause. Das Geld reichte kaum für das Essen. So brachte mein Vater oft aussortierte Tomaten aus der Fabrik mit, und eine Zeit lang gab es fast nur Tomatensuppe und Tomatensalat. Übrig gebliebene Tomaten versuchte er, auf der Straße zu verkaufen.
2012 zogen wir nach Langenau. Wir lebten zunächst bei meiner Schwester, bis wir eine eigene Wohnung fanden. Meine Eltern arbeiteten hart, mein Vater auf dem Bau, meine Mutter als Reinigungskraft in einem Dönerladen. In Langenau besuchte ich die Schule, fand neue Freunde, doch der Verlust meiner früheren Freunde war schwer.
Ein Jahr später zogen wir nach Giengen, wo ich meinen Hauptschulabschluss machte und anschließend mein Fachabitur in Heidenheim ablegte. In dieser Zeit gründete mein Vater eine Reinigungsfirma, bei der ich von Anfang an mitarbeitete. Besonders im Winter stand ich oft um drei Uhr morgens auf, um Schnee zu schippen und ging dann direkt zur Schule. Nach dem Fachabitur begann ich eine Ausbildung zum Personaldienstleistungskaufmann. Bereits im zweiten Ausbildungsjahr übernahm ich das Unternehmen meines Vaters, kümmerte mich um Aufträge, Rechnungen und Mitarbeiter. Ich arbeitete oft bis spät in die Nacht, um die Schule, später die Ausbildung und die Führung des Unternehmens unter einen Hut zu bekommen. Gleich nach Abschluss der Ausbildung gründete ich mein zweites Unternehmen, das heute mittelständisch ist und mit der Reinigungsfirma zusammen über 70 Mitarbeiter beschäftigt.
Ich habe immer groß geträumt und nie aufgegeben. Durch meine Eltern und die Umstände lernte ich, was Durchhaltevermögen bedeutet.
