Das Altenberger Glöckl
Wann:
Samstag 17. Mai 2025,
22:29 Uhr
Was:
Alte Heimat, neue Heimat?
Wo:
Glocke
Wer:
Hans Siegl
Um das Jahr 1700 gab es in Altenberg bereits zwölf Anwesen, davon vier Bauernhöfe. Der Hof Nummer 8 gehörte damals dem Bauern Mathias Pirscheng, der als Dorfrichter und Schöffe beauftragt war.
Dieser Mathias Pirscheng ließ von einem Glockengießer in der Nähe von Prag unser Glöckl anfertigen. Es tragt die Initialen und die Jahreszahl 1722, die mit eingegossen sind. Dieses Glöckl wurde damals auf dem Anwesen in einem Türmchen aufgehängt und morgens um acht Uhr, mittags um zwölf Uhr und abends um acht Uhr zum Vater Unser geläutet. Zur damaligen Zeit hing das Glockenseil durch das Hausgewölbe bis in die Wohnstube und wurde von da aus geläutet. Auch diente es als Feuerglocke.
Im 17. Jahrhundert zogen zu Zeiten die Schweden durch die Lande, und auch unsere Heimat wurde nicht verschont. Am Hof lebten Bauer Pirscheng, seine Frau Katarina und Sohn Peter, der damals 10 Jahre alt war. Eines Abends, es war schon dunkel, klopfte es ans Tor und eine Frauenstimme bat um Einlass. Sie erzählte, ihr Name sei Korntner; sie hatte ihren Sohn Paul dabei und sie komme aus Humpolz und sei vor den Schweden geflüchtet. Ihren Mann hätten die Schweden erschlagen. Sie berichtete von furchtbaren Gräueltaten. Die Schweden würden alles anzünden und niederbrennen. Der Pirscheng läutete das Glöckl und alle kamen herbei, um zu erfahren, was es zu berichten gab. Der Pirscheng erzählte, was ihm berichtet worden war und meinte, wenn die Schweden kämen, würde er läuten und die Frauen und Kinder sollten sich im Wald verstecken. Zu seiner Frau und der Korntnerin sagte er, sie sollen in das Zwergerlloch gehen, das war ein verlassener Silberbergwerksstollen, und sich dort verstecken.
Im Haus Nr. 9, das war das Wirtshaus, lebte Familie Hirrluksch. Drei Tage war es ruhig geblieben. In der dritten Nacht klopfte es beim Pirscheng ans Kammerfenster und der Hirrluksch schrie: Die Schweden kommen! Über Richtung Fußdorf, Gießhübel und Preitenhof war der Himmel rot vom Feuerschein. Der Pirscheng ging ans Glockenseil und läutete Sturm. Gegen Morgen klopfte es ans Hoftor, der Pirscheng öffnete, und da waren die Schweden. Einer schrie: Bauer hast du geläutet? - Ja, ich habe geläutet. - Warum läutest du nicht weiter, es ist Betenszeit! Der Pirscheng ging ans Seil und läutete wie befohlen. Während des Läutens bekam der Bauer einen Schlag auf den Kopf, ein Schwede hat ihm mit dem Beil den Schädel gespalten. Der Pirscheng sank, das Seil umklammert, zu Boden. Nachdem sie alles geplündert hatten, zündeten die Schweden den ganzen Hof an. Auch der Glockenturm mit dem Glöckl brach in dem Feuer zusammen und versank in Schutt und Asche. Die Schweden zogen weiter gegen Iglau zu. Der Hirrluksch, der sich hatte verstecken können, ging ans Zwergerlloch und berichtete es den Frauen, dass der Pirscheng erschlagen wurde und im Feuer verbrannte. Die zwei Frauen mit ihren Buben flüchteten vor Angst in die Wälder. Alles war niedergebrannt und vernichtet.
Es ging eine lange Zeit ins Land und aus dem Pirscheng-Bub Peter wurde ein junger Mann. Seine Mutter erzählte ihm, dass die Pirschengs ihre Scholle nie zurückgelassen hatten. So kehrte er eines Tages zurück zu seinem Vaterhaus. Es waren nur Trümmer und verbrannte Balken vorhanden. Wie es der Mutter Wunsch war, ging er an die Arbeit und fand zwischen noch stehen gebliebenen Wänden in Schutt und Asche das Glöckl. Als nach langer, schwerer Arbeit wieder ein Haus entstand, baute er auch einen Turm und des Glöckl bekam wieder einen Platz im Gebälk. Von nun an läutete es wieder und machte alle Menschen glücklich. Der Peter Pirscheng gründete eine Familie und lebte auf dem nach und nach wieder erbauten Hof.
Es kamen die Jahre um 1800, da zog wieder Unheil durchs Land. Es waren dieses Mal die Franzosen, die auch wieder plünderten, Der Pirscheng, der gleich seinen Vorfahren der Dorfrichter war, beschloss, die Glocke vor den Franzosen zu verstecken. Er brachte die Glocke ins Zwergerlloch und der Stollen wurde zugemauert. Als ein Kommandeur der Franzosen nach der Glocke verlangte, gab der Peter zurück, sie sei schon mitgenommen worden. So wurde das Glöckl vor den Franzosen gerettet.
Wieder verging eine lange Zeit, und durch die Abfolge der Generationen wurde aus dem Namen Pirscheng der Name Prisching. Es kamen wieder schlechte Zeiten mit dem Ersten Weltkrieg. Dorfrichter und Bürgermeister war Peter Prisching. Im Jahr 1917 bekam er die amtliche Aufforderung, das Glöckl zum Einschmelzen abzuliefern. Er sagte sich, das Glöckl gebe ich nicht her. So beschloss er gemeinsam mit seinem Freund Franz Rinagel, genannt Ferenz, das Glöckl heimlich zu verstecken. Sie holten es nachts aus dem Glockentürmchen und versteckten es wieder im Zwergerlloch. Als Bürgermeister stellte Peter Prisching ein Dokument aus, dem zufolge das Glockl abgeliefert worden sei, und er erzählte jedem, das Glöckl sei abgeliefert worden. Es war weg, das Türmchen war leer.
Gegen Ende des Jahres 1918 wurde Peter Prisching sehr krank. Ferenz besuchte ihn und Peter meinte, es geht zu Ende und sein Wunsch wäre, wenn er sterben sollte, möchte doch zu seiner Beerdigung das Glöckl läuten. Peter Prisching bekam eine schwere Lungenentzundung und starb am 4. November 1918. In der Nacht vor der Beerdigung löste sein Freund Ferenz das Versprechen ein, holte das Glöckl aus dem Stollen und brachte es auf den Glockenstuhl. Als man den Sarg mit Peter aus dem Haus trug und - wie es Sitte war - dreimal absetzte, hat Ferenz das Glöckl geläutet. Alle waren erstaunt. Das Glockl läutete, bis der Trauerzug am Ebersdörfer Friedhof war. Dann brachte Ferenz das Glöckl wieder in sein Versteck im Stollen. Als die Trauergemeinde zurückkam, war der Glockenturm wieder leer.
Eine Zeit nach Kriegsende wurde das Glöckl wieder aufgehängt und seiner Bestimmung übergeben. Es läutete wieder jahrein, jahraus, wie es immer gewesen war. Es kam das Jahr 1935 und Franz Rinagel, mein Onkel Ferenz, wurde krank und verstarb für alle Altenberger überraschend am Pfingstsonntag 1935.
Hans Siegel junior, der Nachkomme dieser Dynastie, durfte mit seinen siebeneinhalb Jahren das Glöckl zur Beerdigung läuten. Er läutete es, bis der Trauerzug am Ebersdorfer Friedhof ankam. Man konnte durch ein Dachfenster bis dorthin sehen. Dann kam ein Zeitabschnitt in der Geschichte der Glocke, wo sie zu sehr traurigen Anlässen für die Gefallenen des 2. Weltkrieges geläutet wurde.
Bis hierher stammt die Erzählung von Hubert Nerad.
Im Kriegsjahr 1944 war es wieder soweit. Das Glöckl wurde in Abwesenheit meines Vaters Johann Siegl, Besitzer des Hofes Altenberg Numero acht, Hausname Letscher, beschlagnahmt und abgeholt. Wieder sollte es eingeschmolzen werden. Als mein Vater heimkam und das erfuhr, ist er sofort zum Lokalbahnhof gefahren, um die Glocke zu retten. Er sprach mit dem zuständigen Hauptmann und schilderte die Geschichte der Glocke. Der meinte, an sich könne er nichts machen; aber mein Vater solle wiederkommen, wenn es dunkel ist. Er lasse die Glocke unter den Waggon stellen, wo er sie heimlich abholen könne. Mein Vater tat dies, und so wurde die Glocke abermals gerettet. Zu Hause überlegte er, wo man sie verstecken könnte, denn alle wussten ja, das Glöckl ist beschlagnahmt und abgeholt worden. Er versteckte es auf dem Dachboden hinter einem Bretterverschlag.
Das Kriegsende kam und die Russen besetzten auch Altenberg. Als ich am 13. Mai von der Wehrmacht heimkam, hat mir mein Vater das Versteck gezeigt. Er hatte die Hoffnung, wenn die Russen weg sind, das Glöckl wieder aufhängen und seiner alten Bestimmung übergeben zu können. Aber es kam leider ganz anders. Ich wurde am 18. Mai 1945 mit zwei weiteren Altenberger Heimkehrern verhaftet und in ein Gefangenenlager am Brünnerberg gebracht. Für uns begann ein neues Kapitel, das uns mit vielen Iglauern bis auf die Krim in die Sowjetunion verschlug. Mein Vater wurde ebenfalls verhaftet und ins Kreisgefängnis nach Iglau gebracht. Meine Mutter musste den Hof verlassen und kam ins Lager. Nun war das Glöckl allein am Hof und keiner wusste, wo es versteckt war. Für uns und alle Altenberger begann eine sehr schwere Zeit. Wir wurden in alle Himmelsrichtungen verstreut, und bei den Heimattreffen in Deutschland wurde ich immer nach dem Glöckl gefragt.
Als ich 1966 das erste Mal wieder in Altenberg war und sah, dass man unser altes Wohnhaus abgerissen hatte, erkundigte ich mich nach unserem Glöckl bei unserem alten Dorfschmied, Wenzel Danja, der damals in Altenberg bleiben musste. Er sagte mir, das Göckl wäre beim Abriss gefunden worden und jemand hätte es an sich genommen. Näheres war nicht bekannt. Ich war oft in Altenberg war und erkundigte mich immer wieder nach der Glocke, doch sie blieb verschwunden.
In Iglau suchte ich nach meinem Kriegskameraden, Franz Luckschanderl, früher aus Waldhof. Ich fand ihn und versuchte, über ihn etwas über die Glocke zu erfahren. Ich bot eine beträchtliche Summe für unser Glöckl, aber es blieb unauffindbar. Dann bekam ich von meinem Freund Luckschanderl im April des Jahres 1999 die Nachricht, dass unser Glöckl aufgetaucht sei und dass derjenige, der es hatte, mit mir persönlich verhandeln möchte. Für Anfang Mai vereinbarten wir einen Termin bei ihm. So sah ich nach 55 Jahren unser Glöckl wieder in voller Pracht vor mir. Ich prüfte genau die Echtheit mit den Initialen und der eingegossenen Jahreszahl 1722. Wir einigten uns über den Preis und unser Glöckl war wieder in meinen Händen, worüber ich sehr glücklich war.
Aber dann begann ein neues Problem. Wie die Glocke zu uns nach Langen bringen? Denn sie war ja nach unserer Vertreibung wie alles Andere Eigentum der Tschechischen Republik geworden und jegliche Ausfuhr historischer Gegenstände strengstens verboten. Da meinte der Schwiegersohn meines Kameraden Luckschanderl, das kriegen wir schon hin. Ich hatte ihm meine gebrauchte Küche versprochen, die sie bei mir abholen sollten. Nach vier Wochen kamen sie die Küche holen und hatten die Glocke dabei. Sie hatten die Glocke im Kofferraum und überlegten, wie kriegen wir die über die Grenze. Unterwegs fuhren sie in einen Waldweg und montierten von der Glocke die Glockenkrone auseinander, um die Glocke im Batterieraum unter der Motorhaube unterzubringen. Die Motorhaube ging gerade noch zu. Da der Schwiegersohn Kfz-Fachmann war, wusste er, dass der Motor ohne Batterie weiterlaufen kann und nur nicht abgestellt werden durfte. Die Batterie wird nur zum Anlassen benötigt. So sind sie das Risiko eingegangen. Als sie an die Grenze kamen, wurde alles genau kontrolliert. Nach den Teilen im Kofferraum gefragt, meinte er, ich habe vor kurzem etwas transportiert, das muss da noch herrühren. Da meinte einer der Beamten: Stellen sie mal den Motor ab! Der Fahrer antwortete, wenn ich den abstelle, springt der mir nicht mehr an und ich stehe morgen noch hier und kann nicht weiter. Da winkte der zuständige Leiter der Zollbehörde ab und gab sein o.k. zur Weiterfahrt. So konnten sie die Grenze passieren. An der deutschen Grenze angekommen, ging dasselbe Theater los. Er sollte den Motor abstellen. Da sagte er das Gleiche wie an der Tschechischen Grenze. Auch die deutsche Grenze akzeptierte das Problem. So ging es auch hier glatt durch. So landete die Glocke bei mir in Langen. Dort haben wir sie wieder zusammengebaut.
Mein einziger Gedanke war, bei unserem nächsten Altenberger Treffen in Obertraubling bei Regensburg mit dem bekannten Geläut zu überraschen. Alle wussten, dass die Glocke beschlagnahmt worden und somit verschwunden war! An einem Balken unter einer Halle in Obertraubling habe ich die Glocke angebracht und zur Überraschung aller anwesenden Altenberger am ersten Tag des Treffens geläutet. Diese Glocke hat etwas besonders, sie hat einen Dreiklang, was ganz selten ist. Da erst erfuhren sie, dass unser Glöckl fast 300 Jahre alt war und eine lange Geschichte hatte. Das erfuhr ich auch erst aus der Altenberger Chronik von Hubert Nerad, unseres allbekannten und unvergessenen Chronisten, dem wir auch viele andere geschichtliche Nachforschungen zu verdanken haben. Er lebte bei Kriegsende in Schweden und schrieb in seinem letzten Brief:
Hier ist alles anders geworden. Fremde sind da und spielen die Herren, ernten, was sie nicht gesät haben, verspotten unsere alten Sitten, wollen alles verändern und das Göckl läutet auch nicht mehr. Wenn das Glöckl nicht mehr läutet, dann beginnt die große Weltnot. Und das Glöckl, ist es für immer verschwunden oder wird es noch einmal jemand finden und läuten, dass es künden wird, dass es nur einen Herrgott und eine Heimat gibt?
Hans Siegl
vom Letscherhof aus Altenberg No. 8

